Armin Göhringer, Bildhauer & Maler

VBH
Dr. Sabine Heilig,
Kunstverein Speyer, Holz – Raum - Linie,
Rede zur Eröffnung am 02.12.2007

 „Bruder Holz – Holz, Raum, Linie“ hat der Bildhauer Armin Göhringer seinen aktuellen Katalog überschrieben und damit die Wesensverwandtschaft zwischen Mensch und Natur angesprochen. „Lichtlöcher“ heißt sein vorangegangenes Buch aus dem Jahr 2003 und „Zwischentöne“ dasjenige von 1999. Die Trilogie der Katalogtitel der vergangenen Jahre spiegelt die künstlerische Entwicklung Göhringers wieder, der sein skulpturales Werk in Holz konsequent vorangetrieben hat. Sein Schaffen, die klassische Holzbildhauerei, wenngleich mit Kettensäge und Brenner, fasziniert immer wieder neu. Seit über 20 Jahren beweist der Künstler, dass ihm dieser Werkstoff wie kein anderer auf den Leib geschnitten ist. Armin Göhringers Holzskulpturen rufen Erstaunen hervor und regen zum Nachdenken an.

Holz und das aus ihm gewonnene Papier sind künstlerische Werkstoffe, die synonym für ein ökologisch wertvolles, da klimaneutrales Material stehen (nachwachsender Rohstoff). In der Verbindung von Natur und Skulptur entdeckte man in den 1970er-Jahren seine herausragende Bedeutung für die Kunst und schätzt seither vor allem seine Wandelbarkeit.

Es lässt sich schlagen, schneiden, schleifen, bohren, bemalen, ölen, mit Feuer bearbeiten, verbrennen usw.. Und ungeschützt ist Holz in der Natur dem allmählichen Verfall preisgegeben. In der Arbeit mit dem Baumstamm manifestiert sich daher ein besonderes Naturverständnis. Es kommt nicht von ungefähr, dass Armin Göhringer, der 1954 in Nordrach im Schwarzwald geboren wurde, heute dort noch arbeitet. Authentizität und Kontinuität sind für ihn keine Hindernisse, sondern selbstverständliche Daseinsbedingungen. „Ich selbst bin Regung, Kraft, Wille, Ruhe, Intellekt und Gefühle“, sagt er über sich und spricht damit die Polarität alles Wesenhaften an.

Was Göhringer über sich sagt, lässt sich ebenso auf seine Arbeiten übertragen. In ihnen spiegelt sich die Auseinandersetzung des Künstlern mit den Eigenarten des Materials. Auch es ist: „Regung, Kraft und Ruhe“, Holz evoziiert Empfindungen, egal in welcher gedanklicher Richtung.
Göhringers virtuoser Umgang mit dem Material und seinen Möglichkeiten und Grenzen ist atemberaubend. „Holzarbeiten im Grenzbereich“ hat der Bildhauer seine derzeitige Ausstellung in der SüdWestGalerie in Niederalfingen bei Aalen überschrieben und hier in Speyer wie dort den Beweis dafür angetreten. Die vermeintliche Leichtigkeit der Holzskulpturen von Armin Göhringer entpuppt sich bei genauer Betrachtung als ein ausgeklügeltes Konstrukt von Lasten und Tragen, Stehen und Fallen und einem genau bemessenen Gleichgewicht der Massen. Er scheint mit seinen Skulpturen die Schwerkraft außer Kraft zu setzen.
Göhringers Formensprache ist abstrakt. Aus dem kompakten Holzstamm schneidet er mit der Kettensäge Kuben, Blöcke, Quader, Stangen, Gitter und netzartige Strukturen aus. Das Holz der Platane und Pappel werden von ihm bevorzugt; bei Holzarbeiten, die im Außenraum stehen können, greift er auf heimische Harthölzer zurück. Pappelholz verwendet Göhringer vor allem bei filigranen Arbeiten, wenn das Holz nicht reißen soll. (Einige dieser Skulpturen, die dünne Stäbe aufweisen, sind hier in Speyer ausgestellt.) In seinem Werk gibt es hochaufragende Stelen, blockhafte Quader und neuerdings körperhafte Kopfwesen.

Allen Arbeiten Armin Göhringers ist die Aushöhlung und Entkernung des Holzes eigen und die damit verbundene Herausstellung der Leerräume in der Skulptur. Dass Plastik in Luft möglich sei, wie es schon Henry Moore feststellte, wird im Zusammenhang mit Göhringers Schaffen immer wieder zitiert. „Ein Loch kann ebensoviel Formbedeutung haben wie eine feste Masse“, sagte Moore. Anders gesagt sind zum positiven Massevolumen von Göhringers Skulpturen die herausgesägten Partien als gleichberechtigte plastische Bereiche hinzuzuzählen.


Ein zentrales Motiv in seinem Werk ist seit über 10 Jahren die Kreuzschichtung. Der Holzstamm (oder auch nur ein Segment des Kreises) wird mit einem gleichmäßigen Raster waagerechter und senkrechter Schnitte versehen. Diese werden zunächst von vorne und – dem entgegengesetzt – in anderer Ausrichtung dann von hinten angebracht, so dass das Holzvolumen gitterartig geöffnet wird, ohne dass die Schnitte den Stamm durchschneiden dürfen. Vom Weitem betrachtet wirken Skulpturen dieser Art wie gezeichnete Liniengebilde.
Der Vergleich des Zeichnens im Raum mit der plastischen Arbeit, wie wir ihn von dem Stahlbildhauer Robert Schad kennen, hat gleichfalls Bedeutung für Armin Göhringer. Die Arbeit am Holz beginnt mit einer Markierung der wichtigsten Schnitte auf dem Werkblock, dessen formale Ideen zuvor skizzenhaft auf Papier festgehalten wurden. Die Holzzeichnungen auf dem Kunstwerk verschwinden dann durch die Arbeit der Kettensäge. Der Arbeitsvorgang erfordert höchste Konzentration. Jeder zu weit geführte Schnitt zerstört das komplizierte Konstrukt der sich überschneidenden Linien. Die herausgesägten Partien öffnen den zuvor geschlossenen Raumkörper und lassen das Licht als bildnerisches Element mit in die Arbeit einfließen.
Göhringer, dessen künstlerischer Ausgangspunkt die Malerei und Zeichnung waren, hat den Aspekt der Farbe nie gänzlich aus seinem Werk verbannt. Es fällt auf, dass die meisten ausgestellten Skulpturen schwarz bemalt sind. Göhringer verwendet dazu schwarzes Pigment und Leinöl. Die Fassung der Holzstücke (in der Vergangenheit gab es auch weiß bemalte Skulpturen) dient der Hervorhebung skulpturaler Prinzipien und der Veränderung der Oberflächenwirkung. „Das Riechen der Farbe und das Kneten des Pigments“ werden von ihm als sinnliches Erlebnis empfunden, „welches ich auch als Bildhauer niemals missen möchte“, sagt Armin Göhringer darüber. Die Wirkung von Farbe, sei es die auf das Holz aufgebrachte oder auch die dem Holz eigene, dient dazu, Formales innerhalb einer Plastik deutlicher zu machen. „Schwarz zwingt das Licht richtig durch“, hat der Künstler dazu einmal festgehalten. Durch die Farbe Schwarz, die Licht absorbiert, werden die geschwärzten Plastiken in ihrem ambivalenten Charakter unterstrichen: den körperhaften Materialoberflächen stehen die leeren, hellen Lichträume, also die „Luft in der Plastik“,  in ihrem Innern entgegen.
Die Bearbeitung von Holz mit der Kettensäge hinterlässt dessen Spuren auf dem Material. Die hölzernen Oberflächen sind nicht völlig glatt und eben, sondern von Einkerbungen, Schnitten, abgesplitterten Partien gekennzeichnet. Göhringer korrigiert die abstehenden Holzfasern behutsam mit dem Schweißbrenner, in der Erkenntnis, dem Werk durch sein Zutun seinen Charakter zu erhalten. Dazu gehört auch, dass der Bildhauer Schwundrisse und andere Veränderungen des Holzes als selbstverständlich mit in seine Arbeit einbringt.
„Die Auseinandersetzung mit der senkrechten und waagerechten Linie führte zu einer Reduktion, zu einer Vereinfachung der Werke, zu schlichten, einfachen Lösungen. Kein Verschönern, keine Zierde, keine spektakulären Bewegungen und Formen, nichts unnötig Buntes mehr. Dafür aber Konzentration, Wesentliches, Zielgerichtetes, Kraft und Ruhe“, - so ein Zitat Göhringers anlässlich einer Vernissage im Kunstkabinett Regensburg (2001).

Der Künstler rückt mit seinen neueren Arbeiten, die hier in Speyer zu sehen sind, der monolithischen Form des Holzes wieder näher. Eingespannt zwischen zwei blockhaften Quadern oder Kuben, die Sockel und Kopf, unten und oben, formulieren, spannt sich ein vertikales Geflecht dünner Stäbe, die wie Tentakeln, Muskelfasern oder dünne Ärmchen wirken und die schwere Last der kopfartigen Gebilde zu tragen haben. Der Bildhauer hat die Spannung, die auf und im Werkstück lastet, durch ein Einsägen bzw. Gliedern im Bereich der Kopfform aufgelöst. Die eingeschnittenen oberen Skulpturenteile lehnen sich aneinander, halten sich gegenseitig und übertragen die Energie, die im Block herrscht, nach außen. Dieter Brunner, der Ausstellungsleiter der Städtischen Museen Heilbronn, sieht in diesen Arbeiten eine Affinität zu architektonischen Fragestellungen: „Architektur überschreitet die Grenze zur Skulptur und wird zum ´mehrschichtigen` Kunstwerk, zum Kopf, zum Körper, zum sozialen Gebilde. In der Kombination von fragilen und blockhaften Formen liegt Göhringers entscheidende Fragestellung: Wie die Gesellschaft sich gegenseitig bedingt, wie die Natur sich gegenseitig bedingt, so beruht auch der Charakter dieser Werke auf Gegenseitigkeit“ (Rede zur Ausstellungseröffnung in der SüdWestGalerie am 11.11.2007).

Der Künstler selbst weist auf diese Abhängigkeiten in seinen Skulpturen immer wieder hin. Zum programmatischen Prinzip des aktiven Raumkörpers in den Kreuzschichtungen tritt mit dieser aktuellen Werkgruppe ein neuer Aspekt. Denken wir noch einmal an den Katalogtitel „Bruder Holz“, der Wärme, Zuneigung, Vertrautheit vermittelt - und im Bezug auf Armin Göhringers skulpturales Schaffen auch von Schmerz, Zerstörung und Endlichkeit des Daseins spricht. Diese Polarität in der Wirkung ist gewollt, wenngleich der Künstler nicht konkret darauf hinarbeitet - das gibt ihm sein Material einfach vor.
 
In der Verbindung von Papier und Holz, wie es im Werk von Armin Göhringer schon seit Jahren vorkommt, wird die existentielle Symbolkraft des organischen Materials noch unterstrichen. Göhringer presst angefeuchtetes, grobfaseriges Büttenpapier auf Skulpturenteile auf, das sich als Positivform auf dem Papier abdruckt. Wie eine Art schützende Verpackung überdeckt das getrocknete, lederartig wirkende Papier die gesägten Holzteile. Seine warme, bräunliche Farbigkeit, die von der austretenden Gerbsäure des Holzes herrührt, lässt unwillkürlich an Hautoberflächen denken. Göhringer hat diese eigenständige Werkgruppe als „formale Überschneidungen“ bezeichnet und von einem „Ertasten des Holzes“ gesprochen. Der Abdruck ist zunächst nicht anderes als ein sich Vergewissern und Festhalten des Vorhandenen. Wird das Papier vom Holzträger gelöst und ohne diesen präsentiert, wird aus ihm ein eigenständiges Objekt, das ganz ähnliche, mit der Holzarbeit vergleichbare Eindrücke hinterlässt. „So gesehen ist das künstlerische Feld, auf dem ich mich bewege, ein recht breites und nicht selten grenzüberschreitend wirksam“, vermerkte Armin Göhringer. Papier
Armin Göhringer gehört zu jenen zeitgenössischen Holzbildhauern, denen diese Grenzbereiche nicht nur formale und handwerkliche Herausforderungen abverlangen, sondern die mit ihrer Arbeit prinzipielle Lebens- und Daseinsformen ansprechen. Eine Trennung von Werk und Person des Künstlers findet dabei nicht statt, vielmehr spiegelt das Kunstwerk den Künstler als Person wieder. Er sehe seine Arbeiten als Selbstbildnisse, hat Armin Göhringer schon mehrfach gesagt. Das reziproke Verhältnis von Künstler und Kunstwerk ist immer mehr als ein bloßes Arbeitsresultat. Das Kunstwerk, das vom Künstler geschaffen wurde, stellt ein Wesen „sui generis“ (von eigener Art, einzigartig) dar, ein selbstständiges und dennoch vom Willen seines Erschaffers geprägtes Wesen. Diese Abhängigkeiten, Beziehungen, die Verwandtschaften und Ähnlichkeiten mit dem Holz aufzuzeigen, sind zentrale Themen in Armin Göhringers künstlerischer Arbeit. An den Betrachter stellt diese jedoch nur eine Bedingung: nämlich die des genauen Hinsehens.

Dazu sind Sie jetzt und in den kommenden Wochen herzlich eingeladen.



Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

© Dr. Sabine Heilig, Nördlingen, im November 2007